Können Fotografien Zeugen sein?

Das Medium Fotografie scheint ein eindeutiges Medium zu sein, das keine Zweifel offen lässt und Zeugnis ablegen kann. Zeugnis über Geschehnisse, über Schuld, Taten, Wahrheiten und Begebenheiten. Vor allem in der Dokumentarfotografie sollen Fotos bezeugen und bestätigen, wie die Situation tatsächlich ist; sie sollen uns aufrütteln, wach machen und uns veranschaulichen, was wirklich vor sich geht, sei es in Kriegs- und Krisengebieten oder in Milieus, in denen wir uns nicht bewegen. Oft nehmen wir das, was uns gezeigt wird, einfach hin. Vor allem, wenn wir es nicht besser wissen oder keinen Vergleich ziehen können, ob das wahr ist, was uns da präsentiert wird. Kann ein Foto wirklich eindeutig sein? Ist nicht jedes Foto auf die eine oder andere Art und Weise intepretierbar?

Diese Fragen kamen in mir auf, nachdem ich eine Podiumsdiskussion auf dem Fotodoksfestival in München besucht hatte. Das Festival lief vom 13. – 18. Oktober 2015 und wartete mit viel Programm auf. Da es unter dem Motto Past is Now stand und als Partnerregion dieses Jahr die Länder des ehemaligen Jugoslawiens waren, interessierte mich dieses Festival besonders und ich schaute am 14. Oktober 2015 bei I am your Witness vorbei.

Bei dieser Veranstaltung zeigten die Fotografen Armin Smajlović, Paul Lowe, Saša Kralj und Ziyah Gafić ihre Arbeiten. Es ging um den Bürgerkrieg in Jugoslawien und die Dokumentation des Konflikts sowie der Folgen nach dem Krieg und dass diese Fotos Zeugen sind. Doch Ziyah Gafić ist anderer Meinung und sagte bei der Podiumsdiskussion unter den Fotografen: „Fotos sind keine Zeugen.“ Denn Fotografien sagen gar nichts, können aus dem Kontext gerissen und für Zwecke verwendet werden, auf die der Auftragsfotograf keinen Einfluss hat, z.B. in welchem Kontext das Foto letzten Endes erscheinen wird.

Ein interessanter Gedanke, der mir davor bei meinen harmlosen Fotos von Landschaften und Natur nie wirklich gekommen ist. Ich mache Fotos, weil ich den Moment einfangen möchte. Aber was mache ich eigentlich mit diesen eingefangenen Momenten? Natürlich bearbeite ich diese Fotos. Wie sehr mein Eingreifen jedoch die Wahrheit verändert und einen Betrachter beeinflussen könnte, darüber habe ich mir nie großartig Gedanken gemacht.

Ziyah Gafić Satz ist wichtig, vor allem für das Genre der Dokumentarfotografie, der journalistischen Fotografie, der sozialdokumentarischen Fotografie. Wie viel Echtheit, Wahrzeit und Zeugnis steckt in einem Foto, das wir in Zeitungen, im Fernsehen oder in den Nachrichten sehen? Hängt das nicht auch vom Betrachter und seinem Kenntnisstand, seiner Überzeugung und Kultur ab?

Wahrheit vs. Verfremdung

Die Fotografie ist ein Medium der Manipulation. Bereits vor den mordernen Bildbearbeitungsprogrammmen gab es Möglichkeiten, das Foto zu manipulieren. Wer erinnert sich nicht an den Geschichtsunterricht über den Zweiten Weltkrieg, als es um eine Ikone der Bildgeschichte ging: Ein sowjetischer Soldat hisst die Fahne der roten Armee über dem Reichstag. Auf dem Foto wurde dem Soldaten eine Uhr wegretuschiert, schwarze Wolken hinzugefügt und die Fahne wehender dargestellt, als sie tatsächlich war. Vom Fotografen selbst. Ist das nun schlimm? An der Tatsache, dass es ein sowjetischer Soldat war, ändert sich nichts. Auch ob die Uhr tatsächlich gestohlen war oder ob es sich um einen Armbandkompass handelte, lässt sich heute nicht mehr klären. Aber Manipulation ist Manipulation.

Wie sieht es denn in der Portraitfotografie aus? Kann man da sagen, dass hier die Fotografierten den Ton angeben und der Fotograf kein Wahl hat, als sie besser, schöner und hübscher abzulichten, als sie sind? Da wird dann am Licht geschraubt, die Hautstruktur geglättet, Pickel wegretuschiert. Wer Photoshop besonders gut beherrscht, kann einen aber auch nachteilig dastehen lassen (wenn man zum Beispiel eine Schlagzeile braucht). Da wird ein blaues Auge hinzugefügt, die Hautstruktur bei einer Frau besonders klargezeichnet, sodass sie müde, fertig, verkartert und alt wirkt.

Bei Schwebefotos ist von vorne herein klar, dass mit bestimmten Tricks gearbeitet wurde und dies auch so gewollt ist. Mit Photoshop und Lightroom kann man Stimmungen völlig verändern. Aus einem Sommertag wird plötzlich ein Herbsttag. Das stört in der Regel niemanden und ist Geschmackssache und irgendwo auch künstlerische Freiheit. Es geht um Kunst, Fantasie, Ästhetik und Schönheit und nicht um den Anspruch, die Wahrheit oder Realität widerzugeben. Auch in der Stockfotografie wird viel gestellt, damit die Fotos eine gezielte Bildsprache haben und das aussagen, was der Kunde sich wünscht.

Die Manipulation der Wahrheit beginnt in der Bildbearbeitung.

Wir schrauben den Kontrast hoch, drehen an den Farbreglern, belichten über oder unter, retuschieren, damit unsere ästhetischen Ansprüche erfüllt werden. Solange wir das niemandem als die absolute Wahrheit verkaufen möchten, spricht ja nichts dagegen. Wenn aber jemand ein ungefähres Bild von der tatsächlichen Situation braucht und das schön retuschierte Foto einem eine andere Wahrheit vorgauckelt (man denke da an Hotelprospekte und Internetauftritte), ist das schon ärgerlich, wenn das Bild die tatsächliche Situation nicht annähernd widergibt und man darauf „hereinfällt“.

Eindeutigkeit vs. Zweideutigkeit

Kommen wir zurück zum Thema Schlagzeilen. Der Mensch ist ein neugieriges Wesen und steckt nun mal gerne seine Nase in die Angelegenheiten anderer. Das wissen auch die Macher der Boulevardzeitschriften, die ständig auf Skandale, Trennungen, Tränen und Trauer aus sind, um ihre Leser bei Laune zu halten. Ein in einer Millisekunde aufgenommenes Foto eines Celebritys, der in dem Moment neben seiner Partnerin geht, ein unglückliches Gesicht zieht und zufällig in die Richtung einer anderen Frau schaut, wird gleich mit der Überschrift „Krise in der Partnerschaft. Er schaut ständig anderen Frauen hinterher“ betitelt.

Auch in der Streetfotografie finden sich oft aberwitzige Situationen, die durch das Zusammenspiel des Menschen und einer anderen Komponente zustande kommen und so für Komik oder Tragik sorgen – manchmal zu Lasten des Fotografierten. Diese Fotos sind witzig und humoristisch. Man muss aber vorsichtig sein, wie man sie interpretiert, vor allem, wenn sie eindeutig zweideutig sind und eventuell jemanden in sehr negativem Licht darstellen.

Zur Wahrheit verpflichtet

Es ist schon ein paar Monate her, dass dem Fotografen Giovanni Troilo sein World Press Photo Award wieder aberkannt wurde – weil er Bilder seiner Serie nicht an dem Ort abgelichtet hat, wie er angegeben hatte und manche Szenen gestellt waren – anstatt authentisch. Es muss also nicht unbedingt Bildbearbeitung sein. Ein Foto sagt nicht aus, an welchem Ort es aufgenommen wurde – es sei denn, markante Wahrzeichen sind darauf zu sehen. Und auch ob die Szene tatsächlich so stattgefunden hat, kann das Foto dem Betrachter nicht sagen.

Fazit

Ich gelange zur Erkenntnis, dass die Fotografie es einem nicht leicht macht, sie als eindeutigen Zeuge anzusehen. Das Foto kann nicht sprechen und erklären; in die Mimik, Gestik oder Zusammenstellung der Personen, Orte und Geschehenisse kann alles Mögliche hineininterpretiert werden und man muss sich auf die Aussagen des Fotografen verlassen. Der Anspruch an die Wahrheit muss beim Fotografen selbst liegen. Wir können uns nicht davor schützen, mit Fotos manipuliert zu werden. Wir können nur erst einmal vertrauen, sollten aber trotzdem immer hinterfragen.


Übrigens: Die Ausstellung Past is Now läuft in München noch bis zum 10. Januar 2016.

11 Gedanken zu „Können Fotografien Zeugen sein?

  1. ich hatte dazu mal so eine eingebung eines abgewandelten zitates: „Bilder lügen mehr als Worte.“ das gefährliche an bildern ist meiner meinung nach das, dass menschen ihnen gern unhinterfragt glauben und sich gar nicht dessen bewusst sind, dass es ausschnitte sind, die aus dem kontext gerissen sind, die bearbeitet sind. ja, bilder KÖNNEN zeugen sein. aber bilder können auch verfälschen. man darf bilder als anhaltspunkt nehmen, aber niemals als beweisstück…

    • Hallo Paleica,
      das Zitat kannte ich noch gar nicht, aber es passt sehr gut zu dem Thema. Stimme dir da voll und ganz zu.
      Viele Grüße
      Aleksandra

      • also das zitat ist irgendwann mal meinem kopf entsprungen – ich hab es bisher auch noch nirgends anders gelesen 😉 (aber es hat bestimmt auch irgendwann irgendwo schon jemand anders gesagt ^.^)

  2. „Die Manipulation der Wahrheit beginnt in der Bildbearbeitung“
    Beginnt die Manipulation nicht schon bei der Aufnahme selbst? In dem ich einen Ausschnitt, die Perspektive bewusst wähle. Damit gebe ich dem Bild schon einen völlig anderen Charakter.
    Ein schöner Beitrag, der sich wieder schön lesen ließ.
    VG Jan

    • Hallo Jan,
      ein guter Punkt, den ich gar nicht bedacht habe, aber du hast Recht. Auch mit der Wahl des Ausschnitts und der Perspektive kann man bereits Einfluss nehmen.
      Viele Grüße
      Aleksandra

  3. Zitat: „Die Manipulation der Wahrheit beginnt in der Bildbearbeitung.“
    Ich denke, die Manipulation beginnt, sofern ein dokumentarischer Anspruch oder was anderes damit bezweckt wird, schon bei der Wahl des Motivs, bei den Einstellungen der Kamera bzw. bei der Auswahl, welches Bild – ob bearbeitet oder nicht – an die Öffentlichkeit gelangen soll.

    Relativ zeitnah passt hier die Szene einer Frau, die mit ihrem Kleinkind in den Armen irgendwo in Ungarn Anfang September auf den Geleisen liegt. Flott ging das erschütternde Bild um die Welt. Die Geschichte, wie es zu dieser Szene kam, folgte hinten nach.

    Danke für Deinen exzellenten Beitrag und besten Gruß!

    • Hallo Robert,
      an die Geschichte mit der Frau und dem Kleinkind auf den Gleisen erinnere ich mich auch. Ein sehr gutes Beispiel, wie Bilder aus dem Kontext gerissen werden und ohne die Hintergrundgeschichte vollkommen anders interpretiert werden können. Danke für deine ergänzenden Gedanken.
      Viele Grüße
      Aleksandra

  4. Also ich finde auch, dass die Manipulation des Bildbetrachters schon weit vor der Bildbearbeitung beginnt. Schon mit der Aufnahme „interpretiert“ man die Realität: Bildausschnitt, Komposition, was kommt mit drauf, was lässt man nicht auf das Foto, Blickwinkel in dem eine Person fotografiert wird (von oben/unten z.B.) machen schon ne Menge aus denke ich. Von daher kann Fotografie auch nicht 100% neutral bzw. nur dokumentarisch sein. Denke ich zumindest.

    Aber gab es nicht auch irgendeine Fotografierichtung die sich ebendoch hundertprozentige Realitätsabbildung auf die Fahne geschrieben hatte? Da gibts doch auch so nen 10-Punkte-Plan. Komme leider gerade nicht auf den Namen :/

    Bzgl. Retusche und so: Ich retuschiere Muttermale usw. grundsätzlich nur weg, wenn ich von der fotografierten Person dazu aufgefordert werde, eigentlich mag ich das nicht.

    My 5 Cents zu dem Thema. Und war wie immer interessant und kurzweilig zu lesen 🙂

    • Hallo Finn,
      danke für deine Gedanken zu dem Thema. Von diesem 10-Punkte-Plan und dieser Fotografierichtung habe ich noch gar nichts gehört. Wenn dir der Name einfallen sollte, dann würde ich mich freuen, wenn du uns/mich updadest 🙂
      Viele Grüße
      Aleksandra

      • Habe gerade mal kurz recherchiert, finde es aber nicht wieder. Unter „Objektive Fotografie“ oder „Realistische Fotografie“ findet sich zwar jede Menge Zeug, aber nicht das richtige…

        Die Merkmale waren irgendwie ähnlich zu den „Dogma 95“-Filmen von Lars von Trier, oder so^^

        Ich glaub da gab es 10 Punkte, z.B. dass nur Normalbrenweiten verwendet werden, der Blickwinkel immer gerade sein soll und man nur in Schwarz-Weiß und ohne künstliches Licht fotografiert. Bin mir aber nicht sicher. Wenns mir doch noch einfällt, melde ich mich!

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