Flüchtlingskrise – Wenn wir jetzt nichts ändern, wann dann?

Der Titel ist Programm – heute nutze ich meinen Blog, um über das Thema Flüchtlingskrise zu schreiben. Dieses Thema macht mich und meine Familie betroffen und beschäftigt uns seit Tagen. Mein Mann, seine Schwester, seine Eltern und andere Verwandte und Bekannte kamen in den 90er Jahren selbst als Flüchtlinge nach Deutschland. Sie flohen vor dem Krieg in Jugoslawien. Durch die ganzen Bilder und die permanente Berichterstattung fühlt mein Mann sich in eine Zeit zurückgeworfen, die er verdrängt hat. Unterdrückte Gefühle kommen wieder hoch. Nachts liegt er wach und denkt an diese verzweifelten Menschen in Ungarn oder an das tragische Schicksal der ertrunkenen zwei Brüder Aylan und Galip Kurdi und deren Mutter Rehan. Der verzweifelte Vater Abdullah Kurdi hat nun alles verloren. Damals bei seiner eigenen Flucht vor über zwanzig Jahren ging alles so schnell; er hatte nie viel Zeit über seine Situation nachzudenken und später hat er sich nicht die Zeit genommen. Und heute, da er der Zuschauer ist und all die Jugendlichen und Kinder, die alleine fliehen, sieht, fragt er sich, wie die Bilder wohl damals auf die Menschen gewirkt haben, die das alles im Fernsehen beobachtet haben, als er selbst mittendrin war.

Ich muss meine Plattform heute nutzen, um über die Geschichte von Flucht, Ankommen in Deutschland und einer erzwungen „freiwilligen“ Rückkehr zu berichten. Mein Schwerpunkt bei diesem Beitrag liegt auf den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen vom Balkan, denn dort liegen auch meine Wurzeln, ich kenne Land und Leute und möchte schildern, wieso sie nach Deutschland oder andere EU-Länder flüchten. Während des Schreibens sind mir all die Parallelen zu den Geschehnissen in den 90er Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg und in den 70er Jahren bewusst geworden; die Ressentiments, die die Flüchtlinge 1945 zu spüren bekamen, sind die gleichen wie heute; und so wird es auch in Zukunft bleiben, wenn die innere Einstellung vieler nicht korrigiert wird.

Wirtschaftsflüchtlinge – die „unwahren“ Flüchtlinge

Neben all den „wahren“ Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten kommen auch „unwahre“ Flüchtlinge aus sicheren Herkunftsländern zu uns nach Deutschland und in andere EU-Länder. Sie bitten um Asyl und da in den meisten Fällen kein Asylgrund vorliegt sondern einfach nur eine Flucht vor der Armut, werden sie zurückgeschickt (Zum Nachlesen: Was ist der Unterschied zwischen Flüchtlingen, Asylanten und Migranten?). Sie werden mit dem höflich erscheinenden Wort Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet oder von Hasspredigern auch als Sozialschmarotzer und Asylbetrüger beschimpft.

Vor ein paar Wochen entdeckte ich auf Facebook eine Infografik der Zeit Online. Unter den „Top 15“ der Länder, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen, waren acht europäische Länder: Kosovo, Albanien, Serbien, Mazedonien, Ukraine, Bosnien, Russland und Montenegro. Das sind Länder vor unserer Haustür.

Wie aus einem „wahren“ Flüchtling nach 20 Jahren ein „unwahrer“ Flüchtling wird

Ich möchte anhand der Geschichte meines Mannes und seiner Eltern erzählen, wie es ihnen erging, nach Deutschland zu kommen und wie ihr Leben weiter verlief.

Mein Mann erreichte München im Dezember 1992 mit 16 Jahren mitten in der Nacht allein und ohne Begleitung. Er reiste mit dem Bus an und Endstation war der Münchner Hauptbahnhof. Er war schon mal in München in den Sommerferien 1986 gewesen, hatte eine glückliche Zeit bei seinen Großeltern verbracht, die Ende der 60er Jahre als Gastarbeiter nach München gekommen waren. Er verfolgte die WM in Mexico, Maradona war sein Held. Als zehnjähriger Junge hätte er nie daran gedacht, in sechs Jahren in Deutschland zu leben; es war weder sein Traum noch sein Ziel. Er freute sich wieder nach Hause zu seinen Freunde, seinen Eltern, seinem Karateverein, seiner Drina und seiner vertrauten Umgebung zurückzukehren.

Nun stand er aber da, im Winter 1992; Endstation Münchner Hauptbahnhof. So wie all die tausende von Flüchtlingen Anfang September 2015, die aus Ungarn hier ankamen. Das Geld, 500 DM, das ihm seine Eltern für den Anfang in Deutschland mitgegeben hatten, wurde ihm von dem freundlichen serbischen Busfahrer abgenommen, der versprochen hatte, meinen Mann, einen bosnischen Muslimen, als seinen serbisch-orthodoxen Neffen, der leider keinen Pass und keine Ausweispapiere besitze, über die serbische Grenze zu bringen. Diese Vorgehensweise war nötig, denn beim ersten Versuch mit einer Tante über die Grenze von Bosnien nach Serbien zu gelangen, wurde er von den Soldaten aus dem Bus geworfen und bedroht, sich besser auf den Weg zurück nach Hause zu machen, sonst würden sie ihn von der Brücke in den Fluss werfen. Die vierzig Kilometer zurück schlug er sich alleine zu Fuß und per Anhalter durch.

Beim zweiten Mal wollten alle auf Nummer sicher gehen. Dazu gehört eben auch, wenn dich jemand freundlich auffordert, ihm alles Geld, was du dabei hast, zu übergeben, damit diese Person dich nicht doch noch verpfeift, dieser Aufforderung ohne Widerrede nachzukommen. Das einzige, was ihm nicht weggenommen wurde, waren ein paar Pfennig. Er wusste nicht, ob diese Münzen für das Münztelefon ausreichen würden, um seine Großeltern anzurufen und ihnen mitzuteilen, dass er angekommen war. Damals waren Handys Raritäten und teure, klobige Geräte; er konnte nicht eben schnell eine WhatsApp-Nachricht schicken. Es wartete niemand auf ihn, da die Großeltern nicht wussten, wann genau er ankommen würde.

Die Kosten für die Buskarte und die 500 DM für den freundlichen serbischen Busfahrer, damit er ihn rüber schleust, kann man im Nachhinein noch als Schnäppchenflucht bezeichnen, wenn man die Geschichte seiner Eltern und seiner Schwester hört, die erst 1994, also zwei Jahre später, flüchteten und für ihre Flucht ungefähr 8.000 DM zahlten. Auch das war noch günstig, denn wieder ein paar Monate später musste eine einzelne Person schon 6.000 DM hinblättern, um Bosnien verlassen zu können. Man mache sich das mal klar: Wir reden hier von einer Busreise und nicht von einer Luxus-Kreuzschifffahrt.

Das Geschäft mit verzweifelten Flüchtlingen boomte schon damals. Und hier kommen wir zu einer immer wieder gestellten Frage: Woher nehmen Flüchtlinge das viele Geld? Sie verkaufen alles, was Wert hat, und Familienmitglieder aus dem Ausland legen zusammen und finanzieren die teure Flucht, so wie zum Beispiel die Tante der an der türkischen Küste ertrunkenen Familie aus Kobane, die nach Kanada gelangen wollten.

Niemand flüchtet aus einer Laune heraus

Mein Mann wäre nicht geflüchtet, wäre es keine Notwendigkeit gewesen. Die Eltern hätten ihren minderjährigen, 16 Jahre alten Sohn nicht weggeschickt, hätten sie nicht um sein Leben gebangt. Seine Eltern und seine Schwester blieben. Sie und viele andere hatten die Hoffnung, dass der Krieg nicht lange dauern würde, dass der Krieg nicht so schlimm werden würde, dass das alles nur ein Albtraum sei, aus dem man bald aufwachen werde. „Aushaaren, ausharren“, war die Devise. Aber ein Krieg wird nicht besser, er wird nur schlimmer. So wie der bereits vier Jahre andauernde Krieg in Syrien. Es kommt der Moment, in dem du erkennst, wenn du jetzt nicht gehst, bist du tot.

Es gibt nicht nur eine Flüchtlingswelle aus einer Kriegs- oder Krisenregion, es gibt mehrere. Manche machen sich früher auf, andere warten ab und erkennen irgendwann, jetzt wird es zu gefährlich. So machten sich auch die Eltern und die Schwester meines Mannes 1994 auf den Weg. Über eine Agentur, die solche Fluchtreisen organisierte, heute Schlepper genannt. Niemand konnte garantieren, dass sie Bosnien lebend verlassen und heil in Ungarn ankommen würden (und wieder spielt Ungarn eine entscheidende Rolle als Zwischenstation), dass der Bus nicht angehalten wird und alle Insassen am Straßenrand erschossen werden. So was soll vorgekommen sein. Genauso wie die Mittelmeerschlepper nicht garantieren können, dass die Überfahrt gelingt.

Sie nahmen dieses Risiko auf sich, denn es war genau so riskant zu bleiben. Sie hatten die Wahl zwischen Abwarten, dass sie getötet werden, oder fliehen und riskieren, auf der Flucht umzukommen oder getötet zu werden. Oder um es mit den Worten von Peter Vonnahme auszudrücken: Diese Menschen „haben die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Ein Leben im Schlaraffenland?

Mein Mann kam zuerst bei seinen Großeltern unter, später wohnte er sehr lange bei einem Onkel und einer Tante. Er wurde als Flüchtling anerkannt, so bekam er auch recht bald eine Arbeitserlaubnis. Mit knapp 17 Jahren und ohne große Deutschkenntnisse nahm er jede Arbeit an, die er bekommen konnte. Auch seine Eltern und die Schwester kamen zuerst bei den Großeltern unter und wurden als Flüchtlinge anerkannt. Auch sie erhielten recht bald eine Arbeitserlaubnis. Sie bezahlten ihre Wohnung selbst und versorgten sich selbst. Die Tochter machte einen Deutschkurs und dann eine Ausbildung. Sie bezogen keine Sozialleistungen oder sonstiges Geld vom Staat Deutschland. Nicht einmal Kindergeld für die in Ausbildung befindende Tochter stand ihnen zu. Aber Steuern durften sie zahlen. Wieso schreit hier niemand „Was für eine Ungerechtigkeit!“?

In Deutschland trafen sie auf hilfsbereite Deutsche, gleichgültige Deutsche und Deutsche, die sie hier nicht haben wollten. Auch Heribert Prantl erinnert sich, dass es in den 90er Jahren Ausschreitungen, Hasstiraden und brennende Flüchtlingsunterkünfte gab; Flüchtlingssympathisanten bekamen Hass- und Drohbriefe.

Aber nicht nur das. Selbst die eigenen Landsleute, die in Deutschland schon lange lebten und arbeiteten, standen diesen Flüchtlingen nicht immer wohlgesonnen gegenüber. Auch sie wiederholten leierhaft die Vorurteile der anderen: Die Asylanten bzw. Flüchtlinge bekämen alles hinterhergeschmissen, sie seien faul, sie würden bevorzugt, nähmen ihnen die Jobs weg.

Vielleicht verwundert dieses Verhalten den ein oder anderen. Müssten die eigenen Landsleute nicht mehr Verständnis aufbringen können? Nein, denn die Geschichte lehrt uns, dass genau dasselbe den 12 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg oder den Spätaussiedlern in den 70er Jahren widerfuhr, die nach Deutschland kamen: Sie wurden beschimpft, argwöhnisch beäugt, beleidigt; Verständnislosigkeit, Angst und Neid, Vorurteile und Vorwürfe schlugen ihnen entgegen. Von dem eigenen Volk.

Erzwungene freiwillige Rückkehr

Als der Jugoslawienkrieg offiziell beendet war, kamen neue Sorgen hinzu: Die Angst vor der Abschiebung, regelmäßige Behördengänge, die mit viel Wartezeit verbunden waren, und das Ringen um ein Dableiben dürfen. Es wurden Unsummen von Geldern für Anwälte ausgegeben, die eine weitere Aufschiebung der Abschiebung bewirken sollten, da die Menschen panische Angst davor hatten, zurückkehren zu müssen. Die kurze Zeit der Sorglosigkeit war vorüber; Schlafloslosigkeit, Gedankenkarrusell und die Angst vor der Zukunft bestimmten wieder den Alltag.

Und irgendwann war das Ringen um ein Hierbleiben für die Eltern verloren. Ihre Aufenthaltserlaubnis wurde nicht mehr verlängert. Und wieder hatten sie die Wahl zwischen Pest und Cholera: Sie konnten sich für das heute noch bestehenden Programm der Rückkehrförderung entscheiden und quasi „freiwillig“ zurückkehren – obwohl das nicht freiwillig war – oder warten, bis die Frist, in der sie Deutschland verlassen müssen, abläuft, die Polizei an ihre Tür klopft und sie in ein Flugzeug oder einen Bus pfercht und abschiebt. Diese Schmach wollten sie sich nicht antun.

Und auch den jetzt ankommenden Flüchtlingen und Asylsuchenden wird das gleiche Schicksal bevorstehen, sobald sich die Lage im jeweiligen Kriegs- und Krisengebiet beruhigt hat. Selbst wenn das vom Gesetz her rechtens ist, heißt es nicht, dass es moralisch rechtens ist, so wie auch dieser Fall einer kosovarischen Familie, der mich tief getroffen hat und einfach nur unmenschlich ist: Verbaute Zukunft.

Meine Schwiegereltern hatten sich hier integriert, Deutsch gelernt, gearbeitet, sich Hoffnungen gemacht, gerne hier gelebt, sich neu eingewöhnt und waren glücklich. Sie mussten zurückgehen in ein ihnen fremdes Land. Das System, das sie kannten, gab es so nicht mehr. Das Haus, das sie aufgebaut hatten, war ihnen während des Kriegs weggenommen worden. Noch immer besetzten fremde Leute ihr Heim ohne Scham und Schuldgefühl. Sie sollten zurückgehen und beim Wiederaufbau helfen.

In einem vom Krieg zerstörten Land gibt es erst einmal keine Strukturen, keine richtige Ordnung, keine funktionierenden Behörden, keine funktionierende Politik und keine gescheite Infrastruktur. Alles muss neu aufgebaut werden und solche Prozesse dauern Jahrzehnte. Ohne Menschen funktioniert das nicht, klar. Aber einfach alle wieder zurückschicken, weil der Krieg vorbei ist, ist nicht die Lösung. Was sollen diese einfachen Menschen in den ersten Monaten und Jahren für ihr Land wirklich tun können, außer in Depressionen zu verfallen? Die heute zurückgeschickten sind die Wirtschaftsflüchtlinge von morgen.

Meine Schwiegereltern machten sich schweren Herzens und mit Ungewissheit 1998 gezwungenermaßen freiwillig auf in das neu erschaffene Land Bosnien. Sie wussten nicht, was sie erwartet oder wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollten. Sie ließen Sohn und Tochter zurück.

Hätten sie eine andere Wahl gehabt? Ja, sie hätten wie viele andere damals, als der Krieg vorbei war und Deutschland anfing, alle auszuweisen, weiter nach Kanada oder in die USA auswandern können. Aber das kam für sie nicht infrage. Sie wollten ihren Kindern nah bleiben, sie wollten nicht schon wieder eine neue Sprache lernen müssen, dafür waren sie zu müde und zu kraftlos.

In Bosnien angekommen lebten sie eineinhalb Jahre zur Miete in einer Garage in Tuzla, einer Stadt 70 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt. Diejenigen, die nicht geflohen waren, machten jetzt Geld mit den „freiwillig“ zurückkehrenden Leuten, deren Häuser noch besetzt waren. So wurden eben auch Garagen als Wohnraum für 200 DM vermietet – damals für Bosnien ein Wucherpreis. Aber wenn du keine Wahl hast und ein Dach über dem Kopf haben willst, zahlst du auch Wucherpreise.

Meine Schwiegereltern litten darunter, keine Arbeit zu haben. Sie litten darunter, von ihren Kindern getrennt zu sein. Sie konnten nicht einfach ins Auto steigen und für einen Wochenendbesuch nach Deutschland fahren. Wenn sie Deutschland als Urlauber betreten wollten, mussten sie sich in einer langen Warteschlange in Sarajevo vor der deutschen Botschaft einreihen, eine Menge an Papieren ausfüllen, Geld da lassen und hoffen, ein Besuchsvisum zu bekommen. Ziemlich oft wurde so ein Besuchsvisum einfach ohne Angabe von Gründen verwehrt.

Auch das habe ich selbst einmal miterlebt. Das war im Jahr 2001 oder 2002. Meine zwei Cousinen und meine Tante wollten ein Besuchsvisum beantragen und uns ein paar Wochen in Deutschland besuchen kommen. Gemeinsam fuhren wir nach Belgrad, standen stundenlang im Herbst in der Kälte vor der deutschen Botschaft, sie füllten die Papiere aus, bezahlten die Gebühren – nur um Wochen später eine Absage zu erhalten. Millionen von Menschen auf dem Balkan wurden so in Isolation gehalten. Jugendliche in meinem Alter konnten jahrelang nicht in andere europäische Länder reisen – sei es, weil sie kein Touristenvisum bekamen, sei es, weil natürlich auch das Geld fehlte. Seit Jahren wird diesen Menschen vom Balkan vermittelt, wir wollen euch nicht mal als Touristen hier sehen. Eine Visumspflicht für Länder wie Bosnien und Serbien wurde erst 2009 aufgehoben. Endlich konnten diese Menschen im Schengenraum frei reisen und sich wie EU-Bürger frei bewegen – nicht niederlassen oder arbeiten, aber zumindest einmal fortkommen, was sehen, sich nicht wie ein Mensch zweiter Klasse fühlen.

Meine Schwiegereltern führten in den ersten zwei Jahren in Bosnien kein schönes Leben. Sie litten darunter, in diesem kleinen Raum leben zu müssen, keine Beschäftigung zu haben, von den Einheimischen ausgegrenzt zu werden. Und eines Tages machten sie sich auf. Nein, nicht zurück nach Deutschland, keine Sorge, liebe Hassprediger. Sie hatten noch ein Wochenendhäuschen, von dem sie nicht wussten, ob es noch stand, ob es den Krieg überlebt hatte. Aber sie packten ihre Sachen und verließen diese enge, bedrückende Garage. Sie fanden ihr Wochenendhäuschen vor, ohne Fenster, ohne Dach, meterhohes Gras weit und breit und drum herum – aber es stand. Es war ihres. Sie hatten kein Bad, nur ein Plumpsklo, aber es gehörte ihnen. Sie mussten keine Wucherpreise mehr bezahlen. Es fühlte sich nicht mehr so an, als wären sie in einem Loch eingesperrt; Tageslicht fiel ins Zimmer, endlich konnten sie wieder durchatmen.

Mithilfe von Verwandten und Bekannten reparierten sie langsam das Häuschen. Jetzt fanden sie auch die Kraft für ihr Eigentum, ihr Haus, zu kämpfen, das ihnen während des Krieges einfach weggenommen wurde und in dem noch immer fremde Menschen wohnten und sie mit einem Gewehr bedrohten, wenn sie sich dem Grundstück näherten. Aber letzten Endes bekamen sie es zurück.

Es schien eine Glücksträhne zu kommen, denn der Vater fand auch über Beziehungen eine Arbeit in einem Getränkeladen, das war ca. 2002. Aber für die Mutter gab es keine Arbeit. Eine 47 Jahre alte Frau, die immer gerne gearbeitet hatte, der das Arbeiten fehlte und das Herumsitzen zuwider war, war dazu verdammt daheim zu bleiben. Und auch die Glücksträhne des Vaters hielt nicht lange an, denn der Getränkemarkt warf nichts ab und der Freund des Vaters, dem der Getränkeladen gehörte, musste ihn schließen. Wer stellt einen Menschen Mitte 50 ein, wenn nicht einmal Jugendliche und junge Leute eine Arbeit finden können? Arbeitslosengeld gibt es nur sechs Monate. Hartz IV oder eine Grundsicherung? Fehlanzeige. Wenn du keine Arbeit hast, keine Einnahmequellen, musst du selbst schauen, wie du zurechtkommst.

Meine Schwiegereltern sind nicht wieder „geflüchtet“. Sie kommen ab und zu zum Urlaub machen nach Deutschland. Sie vermissen Deutschland: Diese Ordnung, dieses System, die Infrastruktur oder auch der mildere Sommer. Sie leben von dem Geld, das wir ihnen schicken, sie hätten sonst keine Einnahmequelle. Sie sind noch nicht im Rentenalter, eine Frührente ist in dem armen Land aber auch nicht möglich.

Warum flüchten sie heute aus Serbien und Bosnien

Die Geschichte meines Mannes und seiner Familie ist nur eine von vielen. Es gibt unzählige davon auf dem Balkan. Und natürlich lebt dort nicht jeder am Existenzminimum. Was diese Länder, aus denen die Wirtschaftsflüchtlinge heute kommen, von Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Polen oder sogar Kroatien unterscheidet ist: Sie sind nicht in der EU. Niemand bezeichnet einen hier seit zwei Jahren lebenden und arbeitenden Rumänen als Wirtschaftsflüchtling. Dabei tun diese EU-Bürger nichts anderes als das, was Wirtschaftsflüchtlinge vorhaben: Arbeiten und ihre Familie unterstützen.

Sie fliehen vor Arbeitslosigkeit und Verarmung. Auch 20 Jahre nach Kriegsende ist Bosnien ein Land, das nur langsam vorankommt. Schuld sind die Politiker, die sich lieber streiten und nur für ihre jeweilige Ethnie einsetzen als solidarisch zu denken. Wer kein Geld hat, kann nicht konsumieren und die Wirtschaft fördern. Wer einen Job hat, ist unterbezahlt oder bekommt über Monate sein Gehalt nicht ausgezahlt. Hand hoch, wer mit diesen Menschen tauschen möchte: Sechs Tage die Woche in Vollzeit arbeiten, für vielleicht 150€, die dir dann nicht mal pünktlich ausgezahlt werden. Über Monate siehst du kein Gehalt, aber zumindest sammelst du Arbeitsjahre für deine spätere Rente. Ein schwacher Trost. Und selbst für Akademiker und Studierte sieht die Zukunft nicht rosiger aus. Auch sie finden keinen Job oder nur mies bezahlte Stellen, von denen sie ihren eigenen Unterhalt nicht bestreiten können. In Deutschland gibt es für solche Fälle die Aufstockung, das ALG II. Dort gibt es: Nichts.

Doch das Volk wehrt sich und fordert Veränderungen, denn so kann es nicht weitergehen. Deswegen kam es im Februar und März 2014 zu sozialen Unruhen in Bosnien. In Serbien ist die Lage auch nicht besser. Den Menschen fehlt es nicht an Bildung oder Motivation. Es liegt an fehlenden Strukturen, Arbeitsrechten und nicht vorhandener fairer und pünktlicher Bezahlung. Ein Gesetz ermöglicht es Arbeitgebern, jemanden sieben Tage Vollzeit auf Probe zu beschäftigen ohne Verpflichtung, diesen Probearbeitnehmer einzustellen, anzumelden oder ihm etwas zu bezahlen. Natürlich wird das ausgenutzt. So erzählten mir meine Cousins, die in Belgrad leben, dass ein Freund eine ganze Woche lang Nachtschicht in einem Laden schob, der 24 Stunden offen hatte, und dann nach sieben Tagen einfach nicht mehr „gebraucht“ wurde. Der nächste Probearbeitnehmer war bestimmt schon gefunden. Hand hoch, wer mit jemandem aus Serbien tauschen möchte.

Es ist ein hartes Leben. Auch aus Serbien würden viele am liebsten auswandern oder „fliehen“, weil sie von uns, die wir hier leben und ab und zu runter fahren, hören, wie viel wir in den Industriestaaten verdienen. Wer ein Gehalt von 1500€ hat, ist in deren Augen reich. Das ist das Zehnfache von dem, was viele im Monat dort unten verdienen, wenn sie überhaupt etwas davon sehen.

Die Menschen auf dem Balkan sind Überlebenskünstler, sie leben und überleben irgendwie, haben eventuell einen Unterstützer aus dem Ausland oder, wie Šaša Stanišić es in seinem Buch Wie der Soldat das Grammofon repariert so schön formuliert,

einen „Gastarbeiter, wie ihn jede Familie braucht …“.

Wer keine Arbeit, keine Einnahmequellen und keinen Unterstützer aus dem Ausland hat, der über Western Union monatlich Geld zukommen lässt, muss sehen, wie er zurechtkommt. Ist das ein erstrebenswerter Dauerzustand für ein Leben? Kann man vielleicht jetzt nachvollziehen, warum sie fliehen?

Zweiklasseneuropa

Wie schon weiter oben erwähnt, werden EU-Bürger, die in anderen europäischen Ländern nach Arbeit suchen, nicht als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet. Sie dürfen sich in jedem EU-Land niederlassen und Arbeit aufnehmen, um sich ein besseres Leben zu erfüllen. Für Nicht-EU-Bürger gilt das nicht. So entsteht automatisch ein Zweiklassendenken und man wird das Gefühl nicht los, dass die EU-Bürger mehr wert sind als andere; die anderen, die sich ein besseres Leben durch Arbeit verdienen möchten und keinen anderen Weg als die Flucht für sich sehen, werden zu verpönten Wirtschaftsflüchtlingen. Was ist der Unterschied zwischen einem Bulgaren, Rumänen, Ungarn, Spanier oder Portugiesen und einem Serben, Bosnier, Mazedonier oder Kosovaren? Nur die Nationalität und die Tatsache, dass die zweitgenannten keine Staatsbürger der EU sind.

Gesetze müssen geändert werden und die Einstellung der Menschen gleich mit

Was unterscheidet uns von den Flüchtlingen? Einzig das Glück zur richtigen Zeit, mit der richtigen Hautfarbe, der richtigen ethnischen Zugehörigkeit, im richtigen Land und der richtigen Staatsangehörigkeit geboren zu sein. Das ist alles. Ein Flüchtling zu werden, kann jeden treffen. Was macht uns so sicher, dass es uns zu unseren Lebzeiten nicht auch ereilt, einmal als Flüchtling da zustehen?

In das zerstörte Deutschland kamen nach dem Zweiten Weltkrieg 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene – das Fünfzehnfache von dem, was Deutschland dieses Jahr an Flüchtlingen erwartet. Deutschland, Europa und alle anderen wohlhabenden Länder, die hinter verschlossenen und mit einem Panzerriegel verbarrikadierten Türen kauern und hoffen, die Flüchtlinge werden nicht anklopfen, werden nicht um Hilfe rufen, verzweifelt schreien oder die Tür einrennen sondern einfach weiterziehen, müssen ihre Einstellung und ihre Gesetze ändern. Flüchtlinge, Asylsuchende und Menschen, die vor Armut fliehen, also die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, müssen eine wahre Chance erhalten, auf legalem Weg einzureisen. Dieses menschenunwürdige Asylgesetz, das vorschreibt, man könne Asyl in Deutschland erst beantragen, wenn man auf deutschem Boden stehe, zwingt die Menschen dazu, Boote zu besteigen und es über das Mittelmeer zu versuchen (siehe das Interview mit Maya Alkhechen bei Markus Lanz; aber auch die Geschichte von Ingrid van Bergen, Kilian Kleinschmidt, Martin Neumeyer und Trong Hieu Nguyen sind aufschlussreich und bewegend). Solche Gesetze nähren das Massengrab Mittelmeer.

Und wieso wird es arbeitswilligen Asylsuchenden so schwer gemacht, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen und somit das Vorurteil genährt, diese Menschen seien faul und bekommen alles hinterhergeschmissen? Diese Menschen wollen doch keine Almosen. Sie wollen ihren Beitrag leisten und sich selbst versorgen. Und wenn ein Arbeitgeber einen Flüchtling oder Asylanten einstellen möchte, wie kann es dann sein, dass ihnen diese Chance verweigert wird? Hier kommt schon wieder das Zweiklassendenken durch, das sich ändern muss.

Die Flüchtlingswelle, die Europa in diesem Jahr erfasst hat, ist unglaublich. Und was tun die EU-Mitgliedsländer? Ungarn baut einen Grenzzaun für 30 Millionen Euro – anstatt das Geld in die eigene Flüchtlingspolitik zu stecken und sagt dann auch noch dreist: „Das ist ein deutsches Problem.“ Die Slowakei möchte keine muslimischen Flüchtlinge aufnehmen, weil sie keine Moscheen im Land hat. Es ist grotesk, lächerlich bis bestürzend und entbehrt der solidarischen Idee der Europäischen Union.

In den letzten Tagen wurde immer wieder diskutiert, ob ein neues Gastarbeitergesetz eingeführt werden soll. Mein Vater kam 1973 aus Serbien als Gastarbeiter nach Deutschland. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Zum Glück wurde mein Vater nicht zurückgeschickt, als das Gastarbeiterabkommen nicht mehr bestand. Ich und viele andere Menschen auf dem Balkan würden es begrüßen, wenn eine geregelte Einwanderung möglich gemacht werden würde, damit diese Menschen nicht hierher „flüchten“ müssen, sondern sich auf das konzentrieren können, was sie fest vorhaben: Arbeiten und ihre Familien unterstützen, ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten und sich wertgeschätzt fühlen.

Und wenn wir die jetzigen Flüchtlinge gleich wieder zurückschicken, sobald der Krieg in ihrem Land vorbei ist, werden sie in ein paar Jahren wieder als Wirtschaftsflüchtlinge bei uns anklopfen.

Wir müssen lernen zu teilen und diese lächerliche Angst abstreifen, dass nicht genug für uns übrig bleiben könnte. Wir müssen Solidarität und Menschlichkeit zeigen und dankbar dafür sein, was wir haben und dass es uns so gut geht, dass wir nicht diejenigen sind, die auf der Flucht sind. Das Blatt kann sich so schnell wenden und auch wir könnten eines Tages zu Flüchtlingen werden. Wir müssen Flüchtlinge willkommen heißen und Einwanderung zulassen. Sonst werden diese Szenen, die wir in den letzten Wochen permanent auf dem Bildschirm, in den sozialen Netzwerken und in den Zeitungen präsentiert bekommen haben, sich nach der einmal überwundenen Krise einfach wiederholen: nächstes Jahr, in fünf oder in zwanzig Jahren – genau so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg war, in den 70er Jahren, in den 90er Jahren und heute. Es ist Zeit für ein Umdenken, für ein Ändern von Gesetzen, für Solidarität, Offenheit und Mitgefühl.

Wenn du helfen möchtest

Blogger für FlüchtlingeDieser Beitrag entstand im Rahmen des Projekts Blogger für Flüchtlinge (#bloggerfuerfluechtlinge). Du kannst deren Spendenaktion unterstützen oder Geld an eines der vielen anderen Spendenkonten für Flüchtlingshilfe schicken, einen Teil deiner Zeit durch ehrenamtliches Engagement schenken oder die Asylanten- und Flüchtlingsheime mit Sachspenden unterstützen.

2 Gedanken zu „Flüchtlingskrise – Wenn wir jetzt nichts ändern, wann dann?

  1. Es gibt Situationen, da sollte man als Nichtbetroffener einfach still sein und zuhören und dann versuchen zu helfen.

    Vielen Dank für diesen Beitrag.

  2. Liebe Aleksandra, danke für diesen tollen Beitrag. Auch wenn es derzeit in aller Munde ist und man überflutet wird von Texten und (schrecklichen) Bildern, Dein Bericht wirkt und lässt einen aufhorchen. Schön das Du Dich diesem Thema angenommen hast. Denn ein Blog darf gerne auch mal ernstere Themen behandeln.

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