In 6 Stunden “Einfach fotografieren lernen“ mit Benjamin Jaworskyj

Benjamin Jaworskyj – viele kennen ihn bereits. Er macht YouTube-Videos über die Fotografie und ist damit sehr erfolgreich und beliebt. Als ich letzten Sommer mit der Fotografie anfing, schaute ich viele seiner Videos, machte Notizen und versuchte das Gesehene umzusetzen.

Seit dem 9. April tourt er gemeinsam mit seinem Assistenten Rico durch die Schweiz, Österreich und Deutschland, um den Leuten „einfach fotografieren“ beizubringen. 23 Tage, 23 Städte. Und am 21.04.2015 war er bei uns im schönen München. Ich hatte das Glück dabei zu sein. Glück zum einen, weil ich den Platz gewonnen hatte und Patin war, und zum anderen, weil in manchen Städten alle Plätze für den Workshop (ich glaube in München auch) innerhalb von ein paar Stunden ausverkauft waren.

Dies ist also ein Bericht darüber, was dich bei dem Foto-Workshop „Einfach fotografieren lernen“ mit Benjamin Jaworskyj erwarten wird.

Ben und Rico

Patin? Was?

Im Oktober 2014 postete Ben auf seiner Facebook-Seite, dass er für die Workshop-Tour im Frühling 2015 Paten und Patinnen für die einzelnen Städte sucht, in die er kommen wird. Wer genommen wird, bekommt einen kostenlosen Workshopplatz. Ich schrieb ihm eine Nachricht mit meinen Vorschlägen für eine Route durch München, schickte sie ab und hörte erst mal ein paar Tage gar nichts. Dann bekam ich eine E-Mail von Rico in der stand, dass ich die Patin von München sein werde und welche Vorgaben die zwei an die Fotostrecke haben.

Er wollte Wasser, Licht und Schatten, Skyline, und einen Ort, an dem wir Stahlwolle fotografieren können. Ich sichtete verschiedene Orte in München, an denen ich sicherlich schon mehrmals gewesen bin, aber wenn es darum geht, ob diese auch für einen Fotoworkshop geeignet sind, muss man doch wieder hingehen und schauen. Außerdem musste ein geeigneter Biergarten oder Imbiss für die Pause gefunden werden. Eine alternative Route bei Regen musste zusammengestellt werden, da der sechsstündige Workshop im Freien stattfand. Nach einigem hin- und hermailen stand es fest: Der Workshop sollte hauptsächlich im Englischen Garten stattfinden.

Treffpunkt und Startpunkt: Odeonsplatz am Hofgarten

Wir trafen uns um 16 Uhr am Odeonsplatz vor dem Eingang zum Hofgarten. Als ich ankam, war die Gruppe schon fast komplett. Was auffiel: Es waren überwiegend männliche Teilnehmer und mit mir waren es bloß drei Frauen.

Während wir auf Ben und Rico warteten, tauchte ein grölende und trommelnde Gruppe Porto-Fans auf und stimmte sich siegessicher auf das Fußballspiel FC Bayern gegen Porto, das an dem Abend stattfand, ein. Die Porto-Fans waren sehr zuversichtlich mit einem Sieg nach Hause zu fahren (wir wissen ja jetzt, dass es 6:1 für Bayern ausgegangen ist). Aber wir waren ja zum Fotografieren da und das Wetter war auch auf unserer Seite bzw. wie Ben sagte:

Genau wie in den anderen Städten haben wir auch für euch gutes Wetter bestellt und mitgebracht.

Es folgte eine Runde Händschütteln mit Ben und Rico; da ich die Patin war, haben Ben und ich noch mal kurz besprochen, wie der Ablauf ist und dann ging es los zum Hofgarten in Richtung Bayerische Staatskanzlei. Dort legten wir alle erst Mal unsere Sachen ab und stellten uns in einer Vorstellungsrunde vor. Mit mir waren es 16 Workshopteilnehmer aus den unterschiedlichsten Ecken in Bayern und vom Bodensee. Wir wurden anhand unserer Kamerahersteller in Dreier- und Vierergruppen eingeteilt. Ich war in der Sonygruppe – zusammen mit Gaby, Andreas und Markus.

Sonygruppe

Drei Bilder, drei Einstellungen

So lautete unsere erste Aufgabe. Was soll man sich darunter vorstellen? Was werden wir dabei lernen? Das hatte ich mich auch schon während der Planung gefragt, denn Ben wollte einen ruhigen Ort für diesen Programmpunkt. Und endlich kam die Auflösung: Es ging darum, die Belichtung im Manuellmodus richtig einstellen zu können. Jede Gruppe bekam auch einen Zettel mit drei Vorgaben:

  • Vorgabe eins: Blende 5,6; ISO 800; Belichtungszeit selbst einstellen.
  • Vorgabe zwei: Größte Offenblende, die möglich ist; ISO 100; Belichtungszeit selbst einstellen.
  • Vorgabe drei: Kleinste Blende, die möglich ist; ISO 100; Belichtungszeit selbst einstellen.

Anhand dieser Aufgabe sollten wir außerdem erkennen, wie sich die Schärfentiefe durch die Einstellungen verändert. Wenn man die richtige Belichtungszeit wählt, wird man keinen großen Unterschied der Helligkeit auf dem Bild erkennen, aber die unterschiedliche Schärfentiefe sollte bemerkbar sein.

3Bilder3Einstellungen

Wenn du noch nie im Manuellmodus fotografiert hast und nicht weißt, wie man die Belichtung manuell einstellt, dann schau dir dieses Video von ihm an. Wenn du im manuellen Modus fotografieren willst, ist es außerdem wichtig zu wissen, wie das Belichtungsdreieck funktioniert.

Er kam zu jeder Gruppe und schaute sich die Bilder jedes einzelnen an, gab Tipps, lieferte Erklärungen und ging in das Menü unsere Kamera um zu sehen, ob wir Einstellungen seltsam verstellt hatten, die uns Probleme machen könnten. Er nahm sich für jeden einzelnen Zeit, weil ihm wichtig war, dass jeder diese erste Aufgabe und die Grundlagen verstand. Erklärungen

Kreativität und Einschränkung

Bevor wir uns auf den Weg zum Biergarten am Chinesischen Turm machten, wo wir eine kurze Pause einlegen wollten, erklärte Ben, was unsere zweite Aufgabe sein würde: Motive suchen und das Auge schulen.

Jede Gruppe durfte einen Zettel ziehen, auf der eine Farbe notiert war. Auf dem Weg zum Biergarten sollten wir nur Objekte fotografieren, die diese Farbe enthielten. Wir sollten uns also einschränken. Warum? Er erklärte, dass wenn man gerade am Anfang der Fotografie steht, die Reizüberflutung sehr stark sei; man fotografiert einfach drauf los oder eben auch gar nichts, weil man durch die vielen Eindrücke nicht wisse, was zu fotografieren ist; und am Ende hat man entweder zu viele Bilder, die gar nichts aussagen, oder zu wenige, weil man nicht wusste, was und wie fotografiert werden sollte. Und mit der Herausforderung, sich auf eine Farbe zu beschränken, sucht man intensiver, ist kreativer und findet auch passende Motive. Darüber, dass du dich bei denen Fototouren auf ein bestimmtes Thema konzentrieren solltest, habe ich auch schon mal geschrieben.

Farbe WeißMeine Sony-Gruppe zog die Farbe Weiß. Andere Gruppen hatten rot, gelb und grün. Mit einem Ziel vor Augen setzte sich der ganze Trupp in Bewegung – 18 Leute mit Kameras und Stativen. Bei den Wasserfällen im Englischen Garten, wo wir die ganze Brücke okkupierten, kam uns dieser kleine weiß-braun gescheckte Husky in Begleitung seines Herrchens entgegen. Da ich die Farbe Weiß hatte, nutzte ich die Gunst der Gelegenheit und fragte seinen Besitzer, ob ich ihn fotografieren dürfe. Schnell war der Kleine Mittelpunkt unseres Interesses und viele stellten sich um ihn herum und wollten ihn auf einem Bild einfangen.Huskywelpe

Da wir schon sehr viel Zeit am ersten Punkt verbracht hatten und auch durch die Fotoaufgabe nicht schnell voran kamen, legten wir am Biergarten nur eine sehr kurze Pause von ungefähr 20 Minuten ein. Ben holte sich einen Leberkäs mit Semmel, auf den er sich schon die ganze Zeit gefreut hatte, denn „in Berlin gibt es nur Döner“. Als es zum dritten Programmpunkt ging, dem Portrait-Shooting, war es schon 19:00 Uhr.

Portrait und Manuellfokus

Portraitshooting mit Softbox und ReflektorFür die Portraits bot sich das Rumfordschlössl an, das hatte die von Ben gewünschten Wände, Licht und Schatten und der Platz war ideal, da wir völlig unter uns und ungestört waren. Rico baute eine kleine Softbox zusammen. Ben verdeutlichte mithilfe von Workshopteilnehmern, wie man ein Model positioniert und ihm Tipps gibt, was es mit den Händen tun kann. Anhand der Softbox und eines Reflektors zeigte er, wie man Blitz und Softbox einsetzt. Nach der Theorie sollten wir uns in der Gruppe gegenseitig fotografieren. Mein Fotopartner Andreas und ich haben aber mehr gequatscht als fotografiert.

Nach ungefähr einer Stunde mussten wir los zur letzten Station zum Kleinhesseloher See, um dort die Blaue Stunde zu fotografieren. Bevor wir aufbrachen, wurde noch das Gruppenselfie für Facebook geschossen.

Auf dem Weg zum See war der Himmel über München in ein glühendes Rotorange getaucht. Am Kleinhesseloher See angekommen war es bereits sehr dämmrig und das Orangerot war in ein blau-violettes Licht übergegangen. Am Himmel war neben einem sichelförmig zunehmenden Mond ein heller Stern zu sehen – die Venus. Bei dieser Aufgabe wollte Ben, dass wir neben dem manuellen belichten auch wissen und lernen, manuell zu fokussieren, da in der Dämmerung und Dunkelheit der Autofokus nichts zum Fokussieren finden kann.

Kleinhesseloher See mit Mond und Venus

Stahlwolle anzünden und mit Licht schreiben

Das Lightpainting, das danach folgte, als es schon richtig dunkel war, war das Highlight des Workshoptages. Darauf habe ich mich persönlich schon sehr gefreut. Wir hatten Glück, dass der Park schon menschenleer war, denn wir stellten unsere Stative quer über den Weg. Nur einmal kam eine Frau vorbei, später auch ein Mann mit Hund und ganz zum Schluss ein Jogger, der beinahe unsere Stative umgelaufen hätte.

Rico war unser Stahlwollemann.

Zum Abschluss „schrieben“ wir noch I ♥ München mit Licht – das macht er in jeder Stadt. Ich war das zweite N. Aber wir Münchner legten noch einen drauf: I ♥ München mit Stahlwolle im Hintergrund.

I love München

In den Videos zur Stahlwollefotografie und „Schreiben“ mit Licht kannst du dir anschauen, wie wir die Fotos gemacht haben.

Sag mal Einstellung Digga

Eigentlich waren wir damit am Ende angelangt, aber es ging noch weiter. Wir bekamen alle ein Zertifikat über die erfolgreiche Teilnahme an Bens Workshop, Sticker und ein Autogramm mit Widmung. Wer eines von Bens Büchern dabei hatte, konnte sich das signieren lassen. Zum Schluss nahm Rico noch ein Gruppenbild von uns auf, in dem wir alle ganz laut „Sag mal Einstellung Digga“ riefen. Jemand fragte Ben, wie er eigentlich auf diesen Spruch gekommen sei. Und Ben erzählte, der Spruch sei zu ihm gekommen. Er hat ihn einmal in einem Video gesagt und die Leute fingen an, es unter die Videos zu posten und so kam ihm die Idee, andere Personen, wie z.B. Thomas Rath, diesen Spruch aufsagen zu lassen und das in die Videos einzublenden. So wurde dieser Spruch legendär und sein Erkennungszeichen.

Dann war aber wirklich Schluss mit dem Programm, wir packten alle zusammen und gingen als Gruppe zurück zum Chinesischen Turm, stiegen dort in den Bus und fuhren nach Hause. Ich war um 23:30 Uhr wieder daheim und fix und fertig. Schließlich waren wir bis auf die 20 Minuten am Biergarten die ganze Zeit mit unseren Rucksäcken und Stativen auf den Beinen gewesen. Respekt an Rico und Ben, die das auf dieser Tour jeden Tag machen.

Fazit

„Einfach fotografieren lernen“ ist ein abwechslungsreicher Workshop mit viel Programm für sechs Stunden. Ich war k.o., als ich wieder daheim war, aber auch voller positiver Eindrücke und bester Laune.

Dieser Workshop richtet sich an Hobbyfotografen, die lernen werden, nicht nur im Automatikmodus zu fotografieren und nicht nur auf den Autofokus zu vertrauen sondern auch kreativ zu sein, wenn es darum geht, bewusster zu fotografieren und die Motive genauer zu wählen.

Je nachdem auf welchem Kenntnisstand du dich befindest, kannst du viel lernen bzw. deine Kenntnisse auffrischen oder vertiefen. Ben legt sehr viel Wert darauf, alle zu betreuen und auf alle Fragen einzugehen. Ein Workshop bringt dich immer weiter, egal ob mit Ben oder mit einem anderen Fotografen, denn es gibt immer etwas, was du auch durch den Austausch mit den anderen Teilnehmern dazu lernen kannst. Zudem triffst du neue Leute, die dein Hobby teilen und mit denen du dich dann zu einem gemeinsamen Photowalk verabreden kannst.

Die Münchner Workshop-Gruppe hat auch eine eigene Facebook-Gruppe gegründet, um in Kontakt zu bleiben – danke dafür an Andreas Bedity.

Ben und Rico, danke für den schönen Tag mit euch und den anderen Teilnehmern. Werde die Eindrücke noch lange in Erinnerung behalten.

12 Gedanken zu „In 6 Stunden “Einfach fotografieren lernen“ mit Benjamin Jaworskyj

  1. Ein toller Beitrag, sehr ausführlich und interessant. Scheint sich ja absolut gelohnt zu haben. Bin gespannt ob es noch ein paar mehr Ergebnisse von diesem Tag zu sehen gibt 😉

  2. Spannend und unterhaltsam geschrieben, wie all deine Blogbeiträge.

    Wie es tönt, hat es Spass gemacht und wenn dabei noch der Lerneffekt da ist, ist das Ziel mehr als erreicht. Was will man also mehr?!?!?

    Liebe Grüsse aus der Schweiz
    Claudia

  3. Wirklich ein sehr ausführlicher Beitrag. Ich schau selbst regelmäßig seine Videos, aber viel weniger um etwas zu lernen, sondern einfach weil es Spaß macht und einen doch immer wieder zum fotografieren inspiriert 🙂

    • Das stimmt, die Videos sind gut gemacht und es macht Spaß sie anzuschauen. Und es ist für jeden etwas dabei, egal ob Anfänger oder schon fortgeschrittener Fotograf.

  4. Hallo Aleksandra
    Auch von mir Danke für Deinen Bericht. Habe es leider dieses Jahr nicht geschafft, mich rechtzeitig anzumelden. Mit den Videoworkshops kam ich bisher auch weiter. Aber Landschaftsfotografie im Schwarzwald muss unbedingt noch sein. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr.
    Viele Grüsse
    Lars

    • Hallo Lars,
      ich drücke dir die Daumen, dass du beim nächsten Mal einen Platz beim Schwarzwaldworkshop bekommst 🙂
      Viele Grüße
      Aleksandra

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