Was ist Schwarz-Weiß-Fotografie und was ist sie nicht?

Ist das eine seltsame Frage? Die Antwort liegt doch eigentlich auf der Hand: Einem Schwarz-Weiß-Foto fehlt die Farbe. Aber ist das wirklich alles, was Schwarz-Weiß-Fotografie ist?

In diesem Teil möchte ich die Geschwindigkeit aus meinem (und deinem?) Alltag herausnehmen und dich aufrufen, langsam an das Thema heranzugehen, vor allem, wenn du dich noch nicht viel mit Schwarz-Weiß auseinandergesetzt hast. Wir werden gemeinsam das Schwarz-Weiß-Sehen üben. Nimm dir bewusst eine Woche Zeit und sieh die Welt um dich herum Schwarz-Weiß (aber bitte nicht im negativen Sinne).

Schwarz-Weiß-Sehen

Wir sehen unsere Welt in Farbe. Selbst Menschen, die wir fälschlicherweise als farbenblind bezeichnen, können lediglich bestimmte Farben nicht sehen, aber sie nehmen ihre Umgebung trotzdem bunt wahr. Nur ein geringer Prozentsatz an Menschen sieht tatsächlich keinerlei Farben und die Umwelt ist für sie schwarz, weiß und grau.

[bctt tweet=“Das Schwarz-Weiß-Sehen muss also geübt werden. „]

Die Gefühle und Emotionen, die du sonst mit einem Farbfoto transportierst, müssen nun auf eine neue Weise geäußert werden.

Von klein auf lernen wir bestimmten Farben Bedeutungen zuzuordnen. Rot steht für die Liebe, aber auch für das Starke und Aggressive. Oder gehen wir weg von den Farben und nehmen zum Beispiel das Wort Wärme, welches man auf einem Foto dem Betrachter durch das Gelb-Orange eines Sonnenstrahls vermitteln kann; oder Abkühlung durch das Blau eines Alpensees; und Freude durch einen Strauß bunter Blumen.

Bleibt das Foto nun dasselbe, wenn du es einfach in Schwarz-Weiß umwandelst? Übermittelt es die gleiche Botschaft? Kann man diese Beispielsituationen mit Schwarz-Weiß überhaupt einfangen? Oder wird Schwarz-Weiß für ganze andere Situationen und Botschaften verwendet?

Wir müssen uns also ganz viele Schwarz-Weiß-Fotos anschauen und überprüfen, was fotografiert man eigentlich in Schwarz-Weiß. Für das erste Herantasten empfehle ich dir die folgenden Links und Fotografen. Lass die Fotos auf dich wirken.

Außerdem kannst du im Internet oder in deiner Bibliothek nach weiteren Schwarz-Weiß-Fotos für dein Lieblingsgenre oder deine Lieblingsmotive suchen. Betrachte die Fotos ganz genau und versuche dir zu den folgenden Fragen eine Antwort zu geben:

  • Was siehst du?
  • Was hat der Fotograf da wohl gemacht?
  • Wie ist die Verteilung von Schwarz, Weiß und Linien?

Alles in allem wirken Schwarz-Weiß-Fotos ruhiger als Farbfotos. Ist ein Foto mit bunten Farben überladen, wirkt grell, laut, anschreiend und provozierend, so hat ein Schwarz-Weiß-Foto eine beruhigende Wirkung.

Was Schwarz-Weiß nicht ist

Schwarz-Weiß ist keine Rettung für ein schlechtes (Farb-)Foto. Wenn der Kontrast fehlt oder das Foto über- oder unterbelichtet ist, wird eine Umwandlung in Schwarz-Weiß das Bild auch nicht zwangsläufig retten. Achte also auch bei einer Schwarz-Weiß-Aufnahme auf die richtige Belichtung und auf den richtigen Fokus.

Weniger (Farbe, Inhalt, etc.) ist in diesem Fall oft mehr. Überladene Fotos, d.h. Fotos auf denen viel zu sehen ist, werden in Schwarz-Weiß nicht zwangsläufig besser wirken, erst recht nicht, wenn dir das Farbfoto nicht gefällt. Die Bildgestaltung ist oft – aber nicht immer, je nachdem, ob du Street oder Makro fotografierst – schlicht und einfach. Es ist wenig zu sehen, aber das, was zu sehen ist, wird mit Schwarz-Weiß erst richtig zur Geltung gebracht.

Welches Genre für Schwarz-Weiß?

Schwarz-Weiß kann für jedes Genre angewendet werden. Egal ob Porträt, Architektur, Street, Landschaft, Makro oder auch Fashion, Akt und Autos. Dir sind da keine Grenzen gesetzt.

Ein paar praktische Übungen

Auch wenn ich dich zu Beginn des Beitrags aufgefordert habe, innezuhalten und eine Woche lang nur schwarz-weiß zu sehen, so können auch diese Übungen dein Auge trainieren. Es geht noch nicht darum, wie du ein Schwarz-Weiß-Foto am besten gestaltest.

  • Stell deine Kamera auf den Schwarz-Weiß-Modus. Schaue durch den Sucher oder auf das Display, wie die Szene oder das Motiv nun auf dich wirkt. Diese Übung dient dem Zweck, dein Auge für Tonwerte und Kontraste zu schärfen. Mache zum Beispiel zwei Fotos von der gleichen Szene oder demselben Motiv und spiel dabei mit dem Kontrast: fahre ihn ganz hoch und dann ganz runter.
  • Erste Umwandlung deiner Farbfotos in Schwarz-Weiß. Schau in dein Fotoarchiv und wähle ein paar Fotos aus, die dir gefallen. Nun experimentiere. Wie wirkt dein Farbfoto in Schwarz-Weiß? Besser? Schlechter? Nicht jedes Farbfoto eignet sich als Schwarz-Weiß-Foto. Darauf werde ich in Teil II näher eingehen. Und je nachdem, welches Bildbearbeitungsprogramm du verwendest, kannst du auch an den Farbkanälen Änderungen vornehmen – obwohl ja in einem Schwarz-Weiß-Foto nur Schwarz-, Weiß- und Grautöne vorkommen. Darauf werde ich auch näher in Teil III eingehen.

Und ganz wichtig:

  • Fotografiere in RAW. Dann bist du in der Nachbearbeitung am flexibelsten. Du kannst deine Kamera auch so einstellen, dass sie gleichzeitig zwei Dateien speichert: RAW und JPEG. Außerdem hat das RAW-Format den Vorteil, dass die Datei mit allen Informationen abgespeichert wird und somit in Farbe, auch wenn du deine Kamera auf den Schwarz-Weiß-Modus eingestellt hast. Deswegen empfehle ich dir für deine ersten Übungen, die Kamera so einzustellen, dass du in RAW und JPEG gleichzeitig fotografierst, denn so bekommst du ein Foto mit allen Informationen, das du flexibel bearbeiten kannst, und ein Foto von derselben Szene mit deinen Schwarz-Weiß-Einstellungen, das du dann sogleich auf deinem Computer betrachten kannst.

Fazit

Bei Schwarz-Weiß geht es um das Einsetzen von Licht und einer guten Komposition. Es geht um Tonwerte und Kontraste. Ein Schwarz-Weiß-Foto ist nicht die Lösung für ein schlechtes Farbfoto. Trainiere dein Auge bis zur nächsten Woche und dann werden dir die Tipps zur Bildgestaltung eines Schwarz-Weiß-Fotos kinderleicht fallen.

Und hier noch mal alle Teile im Überblick:


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9 Gedanken zu „Was ist Schwarz-Weiß-Fotografie und was ist sie nicht?

  1. Wow, danke für die vielen tollen Links.
    Ich finde allerdings schon, dass es Situationen gibt, in denen man ein Bild mit S/W „retten“ kann. Landschaft und Architektur kommt bei einem weißen bzw. grauen Himmel in Farbe selten gut. Das selbe Bild in S/W ist oft aber super!

    Ich war z.B. letzte Woche in Heiligendamm unterwegs, bei genau solch einem Himmel. Da dachte ich mir beim Fotografieren schon: „Das machst du nachher S/W!“ 🙂
    Bin aber noch nicht dazu gekommen.

    Liebe Grüße,
    Marc

    • Das mit dem grauen Himmel stimmt, ja. Solche Motive kommen gut in Schwarz-Weiß. Super, dass du so etwas schon vorher „siehst“, das ist ja genau das, was man üben oder sich bewusst machen muss.
      Bei uns war es am Wochenende zum Beispiel sehr bewölkt und als ich die großen, grau-weißen Wolken gesehen habe, dachte ich mir sofort: die geben ein tolles Motiv in SW ab. Ich war auch von den Ergebnissen begeistert, weil ich davor nie auf die Idee gekommen wäre, das in SW zu fotografieren.
      Liebe Grüße
      Aleksandra

  2. Liebe Aleksandra

    ein toller Beitrag zum Thema S/W. Du hälst Wort und bleibst Deiner Vorgabe treu 😉 Ich bin auch der Meinung das man schon beim Blick durch den Sucher entscheiden kann ob das Bild später in s/w bearbeitet werden soll… Reine Gefühlssache. Leider wird s/w eben auch oft missbraucht um „schwache“ Bilder spannender zu machen… Das geht meistens halt trotzdem nicht gut. Ich denke insgesamt gibt es mehr schlechte s/w Bilder als schlechte Farbbilder.
    Btw., hab mir jetzt auch mal die DVD Salz der Erde ausgeliehen. Bin gespannt 😉

    • Lieber Markus,
      danke. Ja, Schwarz-Weiß-Sehen ist Übungssache 🙂 Und bei der Bildbearbeitung kann man es übertreiben (genauso wie bei den Farbfotos), man muss ein Gespür für Kontrast und Licht und Grautöne haben, sonst wirkt das SW-Bild nicht.
      Ich hoffe, der Film gefällt dir so gut wie mir 🙂
      Liebe Grüße
      Aleksandra

  3. Liebe Aleksandra,

    wollte mal einen Gruss dalassen und sagen, das mir Deine Blogseite und auch die Art, wie Du etwas vermittelst, sehr gefällt. Ich lese sie mit Vergnügen.

    Sachlich beitragen möchte ich noch, das mir persönlich für die SW-Entwicklung das Silver-Efex Paket der Nick-Collection am besten gefällt. Man kommt hier mit relativ wenig Zeitaufwand zu sehr guten Ergebnissen.

    Liebe Grüsse :

    Michael

    • Lieber Michael,
      ich freue mich sehr über deinen Gruß und deine lieben Worte!
      Von der Nik-Collection habe ich jetzt schon an mehreren Stellen was gelesen und ich habe mir das Silver-Efex-Paket zum Testen heruntergeladen und werde es in den nächsten Tagen ausprobieren.
      Liebe Grüße
      Aleksandra

  4. Sehr guter Beitrag, stimme dir in fast allen Punkten zu und hat Spaß gemacht zu lesen. Wenn Sinn dahinter steht, mag ich schwarz-weiße Bilder auch sehr.

    Als kleine Ergänzung würde ich vielleicht noch hinzufügen, dass ein Schnappschuss durch die Konvertierung in Schwarz-Weiß vielleicht nicht direkt zum großen Kunstwerk wird. Das scheinen ein paar Menschen ja ein wenig anders zu sehen 😀 Aber gut, hast du ja ähnlich unter „Was Schwarz-Weiß nicht ist“ beschrieben.

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