9 Gestaltungstipps in der Fotografie

Abgeschnittener Kopf – „Oh mein Gott, er kann ja gar nicht fotografieren!“

Ist dein Motiv immer schön mittig platziert? Fotografierst du alles immer aus Augenhöhe, auch Objekte, die sich am Boden befinden? Achtest du immer darauf, dass alles schön scharf, klar und sichtbar ist, auch wenn dein Hauptmotiv in einer Masse von ablenkenden Objekten untergeht? Du merkst sicherlich, worauf ich hinaus will.

Meine Tante beschäftigt sich nicht mit der Fotografie und würde wahrscheinlich so fotografieren, wie ich es oben aufgezählt habe. Als ich ihr Fotos von meiner Hochzeit aus dem letzten Jahr zeigte, sagte sie Folgendes: „Oh mein Gott, er hat dir den Kopf abgeschnitten. Der kann ja gar nicht fotografieren!“ Unser Fotograf hatte einen Bildausschnitt gewählt, auf dem er ganz nah rangekommen ist, um den Brautstrauß, den ich halte, zu fotografieren. Mein Kopf und mein Unterkörper sind abgeschnitten. Und es ging noch weiter mit den „schlechten Fotos“. Ein weiteres Foto, das ich auch sehr mag, zeigt nur unsere Beine. Man sieht mein weißes Kleid und meine weißen Schuhe, und bei ihm die schwarze Hose und die schwarzen Schuhe. Wir sitzen auf einem Steingeländer und unsere Beine baumeln in der Luft, ich halte mein weißes Täschchen und er meinen Brautstrauß. „Schon wieder keine Köpfe!“

In den Augen meiner Tante waren die Bilder wohl nicht so gelungen. Aber unser Fotograf hat nichts falsch gemacht. Er hat Spannung reingebracht, mit Bildausschnitten experimentiert, Perspektiven gewechselt, mit Farben und Kontrasten gespielt. Er hat sich überlegt, wie er das Bild gestalten will.

Es gibt sehr viele Bildgestaltungsregeln. Ich habe hier die Basics zusammengeschrieben, womit du für den Anfang sicher genug beschäftigt sein wirst. Sehr umfangreich geht Wikibooks auf die Bildgestaltungsregeln ein.

Wenn du weißt, welche Regeln es gibt, kannst du bewusster entscheiden, wann du sie anwenden möchtest und wann du sie lieber außer Acht lässt. Langweilige Fotos sollten ab sofort passé sein.

1. Die Drittelregel – Die Bildgestaltungsregel überhaupt

Das Motiv, das du auf deinem Display oder durch den Sucher siehst, musst du dir gedanklich oder mithilfe der Gitterlinienfunktion deiner Kamera horizontal und vertikal dritteln. Platziere nun dein Hauptmotiv auf einem der vier Schnittpunkte.

Beispiel für die Drittelregel

Bei dieser Regel erreicht man ein harmonisches Ergebnis, wenn man

  • das Objekt auf einem der Schnittpunkte platziert, und
  • den Horizont entweder im oberen oder unteren Drittel verlaufen lässt.

So bekommt das Bild Spannung und Dynamik, da mittig platzierte Objekte häufig – aber, nicht immer – als langweilig empfunden werden.

Falls deine Kamera Gitterlinien anbietet, welche du auf deinem Display oder durch den Sucher sehen kannst, solltest du diese Funktion unbedingt nutzen. Ich habe eigentlich immer das 3×3-Raster an. Seit ich die Drittelregel kenne, wende ich sie auch sehr häufig an.

Wenn du noch nie von dieser Regel gehört hast und/oder sie noch nicht angewendet hast, dann entscheide dich bei deiner nächsten Fototour bewusster, wie du das Objekt platzieren willst. Überlege kurz, bevor du abdrückst. Versuche mehrere Varianten aus. Ist mittig gut? Oder ist das Bild spannender, wenn du das Objekt an einem der Schnittpunkte platzierst?

2. Linien leiten

Linien geben deinem Bild eine Struktur und du kannst sie einsetzen, um den Blick des Betrachters auf dein Objekt hinzulenken. Achte doch ab sofort besonders auf

  • vertikale Linien, z. B. Bäume, Häuser, Geländer, etc.:

  • horizontal verlaufende Linien, wie z. B. der Horizont, der dein Bild in Bereiche einteilt:

  • diagonale Linien, die auf einen Punkt zulaufen und somit den Blick lenken:

  • unstrukturierte oder chaotische Linien:

Kannst du Linien für deine Bildgestaltung verwenden und einsetzen? Führen Linien vielleicht dirket auf dein Hauptmotiv zu?

3, Lage des Horizonts

Die Platzierung des Horizonts ist in der Landschaftsfotografie ein wichtiger Bestandteil. Wenn das Farbenspiel von Wolken und Sonnenuntergang besonders interessant ist, kannst du dem Horizont auch etwas mehr Platz in deinem Bild geben.

Horizont - oberes DrittelStehst du vor einem See? Dann solltest du versuchen den Horizont in die Mitte zu platzieren. So spiegelt sich das Motiv im Wasser wieder – und wenn du Glück hast auch die Farben des Sonnenuntergangs.

Horizont - mittig

4. Spiel mit der Unschärfe

Fotografiere einmal nur offenblendig, also mit der größten Blendenöffnung, die dein Objektiv hergibt, sodass nur dein Objekt oder Teile davon scharf dargestellt werden.

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Bei dieser Methode verliert sich das unwichtige im Unscharfen. Der Betrachter deines Bildes wird auf das wichtige hingelenkt und gleichzeitig wird er sich fragen, was sich da im Hintergrund abspielt. Dein Bild erzeugt also Spannung durch die Unschärfe bzw. geringe Schärfentiefe.

Häufig wird dieser Effekt in der Porträtfotografie verwendet, damit der Hintergrund nicht von der Person ablenkt.

Hast du das noch nicht versucht? Dann wird es aber Zeit. Fotografiere einen Tag lang nur mit offener Blende.

5. Farben, Farben, Farben

Farben und Kontraste machen auf sich aufmerksam. In einem überwiegend dunklen Bild, ziehen uns helle Töne, Farben und Farbklekse an.

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Umgekehrt funktioniert das Prinzip genauso: in einem überwiegend hellen Bild springen dunkle Farben, Töne und Kontraste sofort ins Auge. Achte das nächste Mal auf Farben, Kontraste und Töne und deren Zusammenspiel und versuche diese gekonnt einzusetzen und damit zu experimentieren. Sehr kreative und inspirierende Bilder von Farben und Kontrasten hat Markus von kuhnograph-photograhy für sein Projekt „Magic Letters: B wie Bunt“ gepostet.

6. Rahmen

Fotografiere dein Motiv durch einen Rahmen. Ein Rahmen kann alles mögliche sein: ein Fenster, ein Schlüsselloch, der Türspion, das Loch einer Palette, etc.

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Nutze „natürliche Rahmen“ wie z.B. Äste, die das Objekt einrahmen. So wird dein Motiv hervorgeheben und der Blick des Betrachters darauf gelenkt.

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7. Bildausschnitt – Geh mal ganz nah ran

Du brauchst keinen Sicherheitsabstand zu Objekten, die du fotografieren willst. Geh so nah ran wie möglich. Nur bei Personen solltest du vorher wissen, ob sie damit einverstanden sind, dass du dich ihnen so näherst.

Im Inneren einer Pfingstrose

Im Inneren einer Pfingstrose

Bildausschnitte, die nicht sofort alles zeigen, alles erklären oder alles offenlegen, sind spannend. Dazu gehört eben auch mal, wie anfangs erwähnt, jemanden ohne Kopf zu fotografieren, weil du den Fokus auf ein anderes Detail lenken willst.

Wenn der Betrachter deines Bildes etwas auf den ersten Blick nicht erkennt, wird er etwas länger bei deinem Bild verweilen und herausfinden wollen, was du da fotografiert hast.

8. Verschiedene Perspektiven

Wie schon einleitend erwähnt solltest du immer nur auf Augenhöhe fotografieren. Nein, bloß nicht! Versuch doch mal verschiedene Perspektiven aus.

  •  Wurmperspektive: Leg dich auf den Boden, geh so tief wie möglich, knie dich hin, fotografiere dein Objekt von unten. Wie sieht es aus, wenn du nach oben schaust?
  • Vogelperspektive: Geh auf einen hoch gelegenen Aussichtspunkt und fotografiere von oben herunter. Die Welt sieht ganz anders aus.
  • Zentralperspektive: Symmetrisch aufgebaute Objekte und Motive oder Linien, die auf den Mittelpunkt zulaufen, kommen am besten zur Geltung, wenn du sie zentral positionierst.

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9. Hoch- und Querformat

Ich fotografiere überwiegend im Querformat. Du auch? Ich vergesse einfach sehr oft, dass es auch noch das Hochformat gibt. Versuche doch mal beides und entscheide dann, welches Bild dein Motiv am besten wiedergibt.

Noch eine letzte Warnung

Auch wenn du alles technisch richtig machst, die Regeln zur Gestaltung von Bildern anwendest, kreativ bist und experimentierst, kannst du es nicht allen Leuten recht machen. Es wird Personen geben, denen deine Bilder nicht gefallen und die dann sagen: „Du kannst ja gar nicht fotografieren.“ Aber lass dich davon nicht beirren. Was einem gefällt und was nicht ist auch in der Fotografie sehr subjektiv, so wie in vielen anderen Bereichen des Lebens eben auch.

Und jetzt, raus zum Fotografieren, Anwenden, Ausprobieren, Lernen und Regeln brechen.

6 Gedanken zu „9 Gestaltungstipps in der Fotografie

  1. Pingback: 6 Fotografiegrundlagen, die du kennen musst – das Histogramm (Teil 6/6) | Aleksandras Fotoblog

  2. Servus Aleksandra!
    Ich lese alle Deine Beiträge gerne. Dieser aktuelle gehört zu Deinen besten. Die ideale Mischung aus Information in Wort und Bild.
    Besten Gruß, Robert

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